Elvi Claßen (ABSTRACT, Hinweise
& Bestellmodalitäten am Textende)
Informationsmacht oder -ohnmacht?
Die Instrumentalisierung von Genderstrukturen im Krieg
Die US-amerikanischen Apologeten
des „Informationskrieges" bewerten die Macht, die zivilgesellschaftliche
Kommunikation über den Krieg den eigenen Interessen entsprechend bestimmen
zu können, als kriegsentscheidend. Auch die Instrumentalisierung von
Genderstrukturen zur Legitimierung eines Waffengangs vollzieht sich
deshalb am anschaulichsten in den Frauen-Images der jeweiligen politisch-militärischen
Interpretationsvorgaben, die das massenmedial vermittelte „Bild", das
wir das wir uns „vom Krieg" machen (sollen) heute weitgehend prägen:
Wir sehen Frauen als ohnmächtige Opfer despotischer Herrscher (z.B.
Bilder aus Flüchtlingscamps auf dem Balkan); in Feindbildkonstruktionen
als Tyrannengattinnen (z.B. Mira Markovic/Bildzeitung, 26.3.99: „Hexe
von Belgrad"), als fanatisierte Masse (z.B. „jubelnde Musliminnen" am
11.9.01) oder Kriegerinnen/Terroristinnen (z.B. Selbstmord-Attentäterinnen,
Frauen mit Schador und Maschinengewehr).
Und wir sehen opferwillige, patriotische Soldatenmütter und -frauen
an der „Heimatfront", politische Macherinnen als Aufmerksamkeitsfänger
und Leitbilder (Condolezza Rice, Victoria Clarke); als Fortschrittlichkeitssymbol
und Mustersoldaten idealisierte „Heldinnen" (z.B. Private Jessica Lynch)
und analog dazu - als journalistische Metapher - unerschrockene Star-Korrespondentinnen
(z.B. Christiane Amanpour/CNN, Antonia Rados/RTL, ntv), die sich gleichsam
in zwei Männerdomänen behaupten: in den Nachrichtenmedien und im Krieg.
Die Lebenswirklichkeit von Frauen im Krieg wird - sofern sie nicht zur
Herabsetzung des Gegners taugt - in der offiziell sanktionierten Präsentation
des Krieges weitgehend ausgeblendet. Erst nach Ende der Kampfhandlungen
offenbart sich meist das ganze Ausmaß des Blutvergießens, des Leids
und der Zerstörungen. Aber dann binden längst andere Themen das Medieninteresse
...
Aus friedenspolitischer Sicht erfordert dieser scheinbare Automatismus
eine neue Perspektivierung der Möglichkeiten gewaltfreier Konfliktprävention
und -bearbeitung - vor, in und nach einem Krieg. Denn die Erfahrungen
der letzten Jahre haben gezeigt, dass das staatlich verordnete „Image"
eines Krieges zu keiner Zeit wirklich verbindlich ist. Die systematische
Entlarvung des Mythos’ vom „präzisen, opferarmen, gerechten Krieg" durch
eine internationale, kriegskritische und aufklärende Gegenöffentlichkeit
kann den politisch-militärisch dringend benötigten gesellschaftlichen
Konsens über die Legitimität eines Waffengangs be- oder sogar verhindern.
Genderorientierte Friedensarbeit und Konfliktforschung ist Teil dieser
„Kommunikation gegen den Krieg". Sie legt Kriegsursachen frei, arbeitet
gegen die Verschleierung der Kriegswirklichkeit und stellt Feindbild-
und Imagekonstruktionen in Frage. Eine zentrale Komponente dieses Engagements
aber, die zivile Konfliktbearbeitung nach der „heißen Phase" des Krieges,
wird auch heute noch in der internationalen, etablierten Medienöffentlichkeit
kaum wahrgenommen. Dabei haben Mediationsprojekte, Trauma-Arbeit und
Programme zur (Wieder-)Herstellung der sozialen, wirtschaftlichen und
politischen Handlungsfähigkeit von Frauen in Kriegs- und Krisenregionen
usw. einen hohen friedenspolitischen Informationswert, weil sie nicht
nur die verursachten Verwüstungen anschaulich machen, sondern auch -
grundsätzlicher - die Absurdität des Krieges als Mittel der Politik
bloßstellen.
Hier ist die Konfliktforschung mehr denn je gefordert, Konzepte zu erstellen,
wie die gegebenen strukturellen (Informationsnetzwerke, Publikationsmöglichkeiten
auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene) und technischen
(Internet, digitale audio-visuelle Dokumentation, „Live"-Option usw.)
Möglichkeiten genutzt werden können, um die „Werbung für den Krieg"
quasi auf Augenhöhe zu entkräften und für eine gewaltfreie Politik einzutreten:
Professionelle friedenspolitische Öffentlichkeitsarbeit, unter Einbeziehung
engagierter JournalistInnen und KommunikationsspezialistInnen, die z.B.
auch vor Ort den Aufbau unabhängiger, emanzipatorischer Medien fördern,
muss heute als eine eigenständige Disziplin der gewaltfreien Konfliktprävention
und -bearbeitung wahrgenommen und entsprechend gefördert werden.
Bildquellen v.l.n.r.:
* „Reise in die Vergangenheit";
Berlin, 2. Weltkrieg (Aufnahmedatum und Ursprung unbekannt)
* Bosnien 2002; Quelle: BBC
* Afghanistan 1996; abgedruckt in „Information für die Truppe. Zeitschrift
für Innere
Führung" der Bundeswehr; Ausg. 4/2001
Vorbestellungen (Erscheinungsdatum,
Preis, Versandkosten jew. erfragen):
a) Tagungband „Ausnahme(Regel)?
Gender in Politik, Wissenschaft und Praxis" der Rosa Luxemburg Stiftung
(Hg.); Infos
b) Eine "Gender-Schlüsselbilder"-(Lang-)Fassung
des Textes mit vielen Illustrationen & zusätzlichen Infos gibt
demnächst der Bund für Soziale Verteidigung heraus. Infos