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Dokumentation:

Patriotismus, Unwissenheit und die Schere im Kopf.
Die US-amerikanischen Medien im „Krieg gegen Terror"

Abgedruckt in: ZivilCourage, Sonderausgabe zum Aktionstag der Friedensbewegung am 13. Okt. 2001

 
Natürlich wird nach den monströsen Mordanschlägen auf New York und Washington am 11. September 2001 die Welt nicht mehr die gleiche sein wie vorher; weder für die Familien der unschuldigen Opfer, mit denen wir die Trauer und das unaussprechliche Entsetzen über die barbarischen Terrorakte teilen, noch für den Rest der menschlichen Gesellschaft, der auf schockierendste Weise vorgeführt wurde, wie angreifbar und zerbrechlich selbst das scheinbar sicherste und stärkste Land der Erde ist. Und während man noch darum rang, die Geschehnisse überhaupt zu erfassen, drängten sich erste Fragen und Ahnungen auf: Wer tut so etwas Schreckliches? Wie konnte dies in der Heimat von FBI, CIA, NSA usw. überhaupt passieren? Und: Die Vergeltung der USA wird furchtbar sein ... Wenige Stunden nach den Attentaten war ein mutmaßliches Täterspektrum identifiziert. Seit Monaten, so hörte man dann, hätten amerikanische, britische und israelische Geheimdienste Hinweise erhalten, dass solche Anschläge „auf herausragende Symbole amerikanischer und israelischer Kultur" (FAZ, 12.9.) in Planung seien. Wenig später verdichteten sich dann die Mutmaßungen in Richtung auf die um Osama bin Laden agierende islamisch-fundamentalistische Terroristenszene. An diesem Punkt begann in den US-Medien die Mobilmachung.

Journalisten im Kriegszustand

CNN lässt schon am 11.9. den ehemaligen Außenminister Lawrence Eagleburger mit der Einschätzung auf Sendung gehen, „es gibt nur einen Weg mit Leuten wie diesen umzugehen, man muss einige von ihnen töten, auch wenn sie nicht sofort als direkt Beteiligte zu erkennen sind." Steve Dunleavy schreibt einen Tag später in der New York Post: „Die Antwort auf dieses unvorstellbare Pearl Harbour des 21. Jahrhunderts sollte so einfach wie prompt sein: Tötet die Bastarde. Ein Schuss zwischen die Augen, schießt sie in Fetzen, vergiftet sie wenn nötig. Was die Städte oder Länder betrifft, die diesen Würmern Unterschlupf gewähren, bombt sie zu Basketballfeldern." Howard Kurtz, Redakteur der Washington Post, konstatiert am 13.September: „Amerikas Kolumnisten sind ... bereit für den Krieg." Während die Fernsehbilder von trauernden Angehörigen der Opfer, vom „Ground Zero" in Süd-Manhattan, von verzweifelt-beharrlich in der Schuttwüste grabenden Rettungskräften, explodierenden WTC-Türmen und den Trümmern des Pentagon zu Endlosschleifen stilisiert werden, immer häufiger durchsetzt von Symbolen des landesweit anschwellenden Patriotismus’, ergänzen die Nachrichtensendungen auf CNN, Fox News Channel und NBC ihre eigenen Grafiken und Inserts um kleine US-Flaggen, manche SprecherInnen tragen blau-weiß-rote Bänder an ihrer Kleidung; in der New York Times hieß es dazu: „Nachrichtenmoderatoren und Korrespondenten haben nicht gezögert, ihre Berichterstattung nach den Angriffen überwiegend auf die US-amerikanische Perspektive auszurichten. Der Gebrauch der Pronomen ‘wir’ und ‘uns’ war üblich. ... Kritiker sagen, dass solche Aktionen die Rolle der Moderatoren als unbeteiligte Überbringer von Nachrichten untergraben und die öffentliche Meinung dahingehend verstärken, dass sie dazu beiträgt Amerika in einen Kriegszustand zu treiben." (20.9.) Ganz ungehemmt bekennt der CBS-Nachrichtenmoderator Dan Rather am 18.9. seine Loyalität in der „Late Show With David Letterman": „George Bush ist der Präsident, er trifft die Entscheidungen, und wo auch immer er mich hinschickt, ich werde gehen." Der Moderator des „Fox News Channel", Jon Scott, überraschte den deutschen Botschafter Wolfgang Ischinger in einer Sendung am 18.9. mit den Worten: „Wir werden demnächst gemeinsam mit Ihrem Land diese Terroristen auslöschen." (New York Times, 20.9.) Abweichende Stimmen haben kaum eine Chance. Associated Press meldet am 26.9., der Zeitungsjournalist Dan Guthrie sei entlassen worden, nachdem er am 15. September im Daily Courier/Oregon geschrieben hatte, „Die Passagiere, die mit den Entführern kämpften, bevor das Flugzeug in Pennsylvania abstürzte sind die Helden, dagegen ist das Bild von George Bush, der sich in einem Loch in Nebraska versteckt nur peinlich". Als Bill Maher in seiner ABC Show „Politically Incorrect" am 17.9. kommentiert, die USA schieße Cruise Missiles aus 2000 Meilen Entfernung ab, dies sei ungleich feiger als die Selbstmord-Attentäter, schalten mehrere lokale Stationen seine Sendung ab; das Weiße Haus reagiert durch Regierungssprecher Ari Fleischer auf Mahers Statement mit einer „Mahnung an alle Amerikaner; „Sie müssen darauf achten, was Sie sagen und was Sie tun, denn dies ist nicht der richtige Augenblick für solche Bemerkungen." (Cleveland Plain Dealer, 30.9.)

Die Schlacht an der Heimatfront hat Bush schon gewonnen

In einer solchen Atmosphäre bleibt wenig Raum für differenziertere Analysen. Und das über Jahrzehnte - auch und insbesondere in den Medien - gepflegte Desinteresse am außenpolitischen bzw. internationalen Geschehen verhindert nun eine realistische Selbst- und Fremdwahrnehmung. Beispielhaft dafür ist die Einschätzung des Washington Post-Redakteurs Charles G. Boyd: „Diese Nation symbolisiert Freiheit, Stärke, Toleranz und demokratische Prinzipien von Unabhängigkeit und Frieden. Die Tyrannen, Despoten und unfreien Gesellschaften können wir mit keiner veränderten politischen Haltung, mit keinen Gesten und Worten von ihrem Hass abhalten." (12.9.) Unwissenheit, Selbstüberschätzung und Rachegefühle bilden den Nährboden für die überwältigende Zustimmung für Bush’s „Krieg des Guten gegen das Böse", die - anders als noch vor dem Golfkrieg 1991 und den Kriegen auf dem Balkan, auch von erwartbaren Verlusten nicht gemindert wird. In einer Umfrage von New York Times und CBS (20.-23.9.), „Glauben Sie, dass die USA militärisch gegen die Attentäter vorgehen sollten - wer auch immer sie sind - auch wenn Tausende US-amerikanische Soldaten getötet würden?", antworteten 72 Prozent mit „ja". Diese Opferbereitschaft, ebenso wie die hohe Akzeptanz gegenüber Einschränkungen der Persönlichkeitsrechte oder Aufstockungen der Etats für „innere Sicherheit" und Militär lassen ahnen, wie in welchem Ausmaß die Terroranschläge die US-amerikanische Gesellschaft verändert haben und noch verändern werden. So makaber es klingt - die Herbeiführung dieser Stimmungslage ist ein Glücksfall für die US- und auch für viele andere westliche Regierungen. Ihre politische Verantwortung für diesen „Hass", die Sinnhaftigkeit ihrer militärischen Doktrinen oder die Glaubwürdigkeit ihrer Geheimdienstaktivitäten stehen (noch) nicht zur Disposition. Ob für „Infinite Justice" oder „Enduring Freedom", ob für einen „Kreuzzug" oder „den Kampf der Zivilisation" - die Bush-Administration hat es geschafft, die Bevölkerungsmehrheit in den USA auf den Krieg einzuschwören und die Popularität des „50-Percent"-Präsidenten deutlich zu steigern. Niemand macht einen Hehl daraus, wer ihr dabei geholfen hat: „Es gab eine kollektive Entscheidung, das Image des Präsidenten neu aufzubauen und die Medien kooperieren hundertprozentig. Die Journalisten sind sehr darum besorgt, ihm zu einer kriegstauglichen Präsidentschaft zu verhelfen. Denn vielleicht sind wir bald im Krieg und er ist der einzige Präsident, den wir haben. Wenn man über Leute mit so klaren Zielen verfügt, die einem als Augen und Ohren dienen, glaube ich nicht, dass man zwangsläufig die Wahrheit erfährt. Es ist nichts anderes als eine eher patriotische Public Relation-Arbeit." (David Carr, Medienkritiker und Autor, in: Washington Post, 24.9.).

Keine Nachrichten aus dem „verdeckten" Krieg?

Aber so einfach ist es nun doch nicht. Das US-Militär hat seit dem Kosovo-Krieg seine Leitlinien für militärische Öffentlichkeitsarbeit und Psychologische Kriegsführung modifiziert; die frühere Trennung der beiden Bereiche wurde weitgehend aufgehoben. Nun gelten auch die Inhalte und Bewertungen in den eigenen Medien und der alliierter Staaten ebenfalls als kriegsentscheidend. Entsprechend tief hängt bereits das Damoklesschwert der Informationssperre über den JournalistInnen: Obwohl Ende September bereits alle großen Networks und TV-Anstalten ihre Korrespondenten an der afghanisch-pakistanischen Grenze in Stellung gebracht hatten, gab es nichts als Mutmaßungen über möglicherweise schon laufende Militäroperationen. In Washington hält sich das Gerücht, die Militärs planten überhaupt nicht, Pressebeobachter während der Einsätze zuzulassen. So ist denn auch die Nachrichtenlage in den USA Anfang Oktober eher dünn: Es gibt nichts zu berichten aus dem „verdeckten" Krieg - aber man beschwert sich auch kaum darüber. John MacArthur, Publizist und Autor des Buches „Die Schlacht der Lügen. Wie die USA den Golfkrieg verkauften." (1992), warnt freischaffende Reporter, auf eigene Faust in die Kampfzonen zu reisen: „Dies könnte der erste Krieg sein, in dem ein amerikanischer Journalist ... von einem Ledernacken erschossen oder erwürgt wird, weil er im Weg stand." (The Village Voice, 26.9.)

 

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(c) Elvi Claßen, 2. Okt. 2001: Abdruck nur nach Absprache & mit Genehmigung der Autorin